20. Dezember 2009 von landlord
What’s your name, Dude?
Genres für tot erklären ist total tot. Voll letztes Jahr ist das. Voll tot. So. Aber wie soll man es erklären, wenn dort nichts Spannendes mehr passiert, wo sich vor ein paar Jahren noch die Elite tummelte? Das ist wie das In-Viertel einer Großstadt, das seinen Glanz und seine Faszination verliert, sobald es sich rumgesprochen hat. Ein paar Hartnäckige besetzen zwar noch die Häuser und halten am Glanz vergangener Tage fest, ansonsten ist das aber alles schon familienfreundliches Wohnen mit sicherem Parkplatz direkt vor der Haustür. Hat auch was für sich, einiges sogar, aber von Umbruch und Revolution ist da nichts mehr zu spüren. Die Lokalhelden mit den lustigen Frisuren und lumpigen Klamotten haben das kritische Alter überschritten und schieben jetzt Pop-konforme Kinderwagen für ihr nicht erwachsen werden wollendes Publikum vor sich her. Was war Indie-Rock doch in den 90gern! Kraftvoll, innovativ, sanft und Trostspender für die ungewollte Adoleszenz.
Ab und an gibt es immer noch Lichtblicke. Keine Straßenfeger wie damals, aber überraschende und einfallsreiche, wenigstens Reminiszenz provozierende Bands, die noch auf frische und spaßige Art alles zusammenschrammeln können. Soviel Vorablob für die Silversun Pickups, die ihr zweites Album Swoon das erste Mal auf Hamburgischem Boden präsentierten. Junge Los-Angeliten mit melancholischem Indierock – Flashback in die 90ger? Ein wenig, aber auch viel hörbare Einflüsse von (einstigen) Größen wie Placebo, Smashing Pumpkins und eine gerade noch annehmbare Spur Collegerock. Einem solchen Satz müsste der Supergau folgen, aber die Dame und Herren schaffen es, die Kurve zu kriegen und einen eigenständigen Sound abzuliefern, der einem nicht die Schuhe auszieht, aber angenehm haften bleibt und viel von der Sonne ihrer Heimat im Herzen trägt.
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8. Dezember 2009 von landlord
Thankfully, I haven’t been taken very seriously.
Die Prämisse eines Samstagabend-Konzertes auf der Hamburger Reeperbahn ist nicht die beste für eine Band wie dredg. Zu den aufnahmebereiten Fans mischt sich Laufpublikum und betrunkenes Pack, dem es mehr um PAHTEY als um an Art- grenzenden Konzept-Indie-Rock geht. Wie zugänglich und simpel sie auch immer geworden sein mögen, das haben die Kalifornier nicht verdient. (Letztlich wurde aber alles halb so schlimm. Die Rede sollte trotzdem gehalten werden.)
Mit ganzen zwei Vorbands als Lead-In stolperte man schon um halb acht durch Menschenmassen und bekam nur die letzten Töne von Judgement Day mit. Nach einem gelungenen Mix aus Cello und Metal klangen diese, fast wie eine weniger peinliche, zurückgelehnte USA-Version von Apocalyptica. Zügig, wie es immer bei dredg-Konzerten zugeht, folgte bald die zweite Vorband The Parlor Mob. Von denen blieb dann nur der komatös dicht-breite Blick des Sängers hängen. Was spielten die nochmal… Sowas zwischen Wolfmother und Bier-Version von The Mars Volta. Wer’s mag, hält sich an die Vorbilder. Technisch war das in Ordnung, konzentrierte sich aber mehr auf’s Posen als abwechslungs- und einfallsreiche Songs.
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11. November 2009 von landlord
Kilsyther Puppenkiste

Zu erwarten war die Axt im Walde, aber die ist zu spitz und filigran. Bekommen haben wir den Presslufthammer auf dem Amboss. Die neue Generation der Wall of Sound, die Shoegazer mit Eiern, kamen das erste Mal als Headliner allein nach Deutschland. Die Schotten von The Twilight Sad ergänzten mit ihrer Präsentation des neuen, hervorragenden Albums Forget The Night Ahead den Dampf mit dem obligatorischen -hammer. Und das im Molotow, dem Hamburger „Wohnzimmer“ mit Live-Anlage. Soundbrei oder Abrissbirne, alles im Bereich des Definitiven.

Feedback? Feedforward. Feedfront! Die Konsequenzen: Offensichtlich. Ja, die Vocals gingen im Instruferno unter. Ja, die einzelnen Elemente waren stellenweise nur schwer zu unterscheiden. Ja, manches Stück blieb mit seinen Charakteristika auf dem Schlachtfeld liegen, von Panzerketten bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. K.O.-Kriterien für gute Gigs. Normalerweise. Aber The Twilight Sad gut gemischt, die Zutaten einwandfrei identifizierbar – Das scheint a) unmöglich und würde b) das komplette Sound-Konstrukt der Schotten in Frage stellen. Es gehört zu ihrem Crossover aus Rock, Post-Rock und Shoegaze, dass manch im Hintergrund gezogener Faden unsichtbar bleibt. Quasi wie bei einer musikalischen Kilsyther Puppenkiste. Mit Splittergranaten und Molotow-Cocktail als gratis Dreingabe. (Kein Veranstaltungsort-Pun intended)
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1. November 2009 von landlord
Am I wry? A little…
Dafür, dass die Dänen unsere solitären Nachbarn im Norden sind, schauen sie unerfreulich selten vorbei. Vielleicht warten sie, bis wir kommen und uns ein Strandhäuschen mieten, ein bisschen die Tourismuseinnahmen nach oben schrauben oder mit Tüten voller Kerzen und stinkender Muscheln wieder nach Hause aufbrechen. Bei Mew mag das nicht der Fall sein, trotzdem sind seit ihrem letzten Deutschlandbesuch fast vier Jahre vergangen. Das steigert natürlich die Erwartungen. Bei zwei Besuchen pro Jahr kann man einen mittelmäßigen Gig schon mal verzeihen. Aber so… nicht.

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31. Oktober 2009 von landlord







Im Stress habe ich ganz vergessen, das Teil herzuzeigen. Sehr schicke, stabile, schwarze Box mit jedem denkbaren Inhalt: Album im Gatefold-Sleeve mit Bonus-DVD (darauf Making Of etc.), USB-Stick mit WAV-, Apple Lossless- und Mp3-Dateien, schicker Art-Print, zwei 180 Gramm Vinyl-LPs mit dem phantastischen, erweiterten Artwork, DVD mit 5.1 Mix… Haste nich gesehen. Halt alles drin. Dafür leider auch mit 70eu ein stolzer Preis. Aber gut, da der musikalische Inhalt stimmt, nimmt man das in Kauf. Kommt ja nicht so oft vor. [31. Oktober 2009]
Band: Muse
Album: The Resistance
Format: Deluxe Box Set inklusive CD+DVD, Doppel 180 Gramm Heavyweight Vinyl, DVD mit 5.1 Surround Mix, USB-Stick und 12“ Art Print
Limitiert: 5000 Exemplare
Label: Warner/Helium 3
Veröffentlichung: 14. September 2009
Preis: 59,99 Britische Pfund (~70,61 Euro, inkl. Versand nach Deutschland)
Shop: http://muse.mu/shop/product/141/the-resistance/menu/3/albums/
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18. Oktober 2009 von landlord
Maquisards

Und schwups, weg sind se, die Karten. Je nach Quelle waren die Tickets für das „geheime“ Muse The Resistance-Preview-Konzert nach 5, 10 oder 30 Minuten ausverkauft. Fakt ist: Es ging verdammt schnell. Das Geheimnis war also nicht das Stattfinden, sondern, dass es so schnell ausverkauft wurde, dass kaum jemand es mitbekommen hatte. Außer der Fanbase, die wartete selbstverständlich gespannt auf die Freigabe der Tickets. Wer dennoch leer ausging musste sich für den doppelten Preis über eBay Karten beschaffen. Eine Masche, die unter Strafe verboten werden sollte, gegen die aber seit Jahrzehnten nichts unternommen wird. Letztlich ist es dem Veranstalter wohl egal wer die Tickets bekommt, Hauptsache ausverkauft.
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10. Oktober 2009 von landlord
All Fun & Games ‘Til Someone Dies

Abgestürzt über einer tropischen Insel, eine Gruppe Halbwüchsiger und Kleinkinder auf sich allein gestellt, keine Autoritätsperson, kein Erwachsener in Sicht – Dass das nicht gut gehen kann, dazu muss man kein Prophet sein. Literaturnobelpreisträger William Golding liefert mit Lord of the Flies den Stoff, aus dem Schüler-Albträume bis heute gesponnen sind, aufgrund seiner starken, beängstigenden Bildsprache, in der die Dschungel-Insel porträtiert wird, oder weil die Klassenarbeit morgen ansteht und das Ding immer noch nur halb gelesen herumliegt. Dabei müssten sie sich glücklich schätzen, sich nicht durch Shakespeare oder den (heillos überbewerteten) Catcher in the Rye quälen zu müssen. Aber das erkennt man als Schüler nur selten, aus demselben Grund, warum es auf der Insel auch zum Äußersten kommt: Kinder haben noch keine Vernunft. Wie auch, möchte man sie in dieser Konsequenz dem Großteil der Erwachsenen absprechen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die Story-tragenden Hänschens auf der hitzigen Insel heißen unter anderem Ralph, Jack, Sam & Eric und Piggy, dessen echten Namen man nie erfährt. Nach dem ersten Kennenlernen, einer provisorischen Versammlungsordnung, repräsentiert durch Zusammenrufen mit dem ‚conch’ (einer Trompetenschnecke), deren Besitz das Rederecht garantiert, wird eine Überlebensformel gesucht. Nahrung sammeln, das Feuer lebendig halten, provisorischen Unterschlupf finden.
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9. Oktober 2009 von landlord
Die Mutation

Jiro Taniguchi erzählt in seinem Manga (aka Graphic Novel) in sehr einfachen Worten und Zeichnungen eine Geschichte, die tatsächlich jeder bei sich selbst oder anderen beobachten kann oder konnte, den Prozess der Abnabelung und den Start in das unabhängige, eigene Leben. Der früh von zu Hause fast schon entflohene Yoichi sieht sich durch den Tod seines Vaters und die damit verbundene Reise in seinen Geburtsort Tottori mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, der Trennung seiner Eltern und dem Leben in dem ruhigen Ort, an den ihn schon so lange nichts mehr bindet. Dabei offenbart sich ihm in kleinen Episoden, die seinen Werdegang fortlaufend nachvollziehen, dass er viele Seiten seines Vaters als Kind schlicht nicht gesehen hat, einiges nicht sehen wollte oder konnte, weil er zu sehr mit eigenem Schmerz oder der Entwicklung seiner Persönlichkeit beschäftigt war. Dabei zeigt Taniguchi in liebevoll, aber schlicht gehaltenen Panelen völlig unaufdringlich sentimentale Wendepunkte von Schicksalen, die geprägt und verbunden, von Schlägen oder unglücklichen Fügungen wieder zerrissen und schließlich schmerzlich geheilt wurden.
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9. Oktober 2009 von landlord
Digging for Salvation

Hier sieht man zu, wie Daniel Day Lewis die Vorstellung seines Lebens gibt. Als besessener, wahnsinniger und konzentrierter ‚Oilman’ Daniel Plainview, der ohne Skrupel und schlechtes Gewissen in allem nur eines sieht: Das nächste lukrative Geschäft. Vor Mord (allerdings aus anderen Motiven als vermutet) und Wahnsinn (der ihn nicht von seinen Zielen abbringt) schreckt er dabei genauso wenig zurück, wie ihn auch Schicksalsschläge und Wendungen der Geschichte nicht zu verändern scheinen, er bleibt das Abbild des sturen Verfalls. Untermalt von einem stellenweise genial deplatzierten Score vom heimlichen Radiohead-Mastermind Jonny Greenwood gibt es eine einfache und fokussierte Story, deren Destillat nach zweieinhalb gleichwohl nie drögen Stunden eine Perspektive auf Schuld und Sühne, Rache und Revanche ist. Aber nicht nur Day Lewis brilliert, ein mindestens ebenso ausgezeichneter Paul Dano wird durch seine grenzwertig gestörte Vorstellung als Prediger und Sünder Eli Sunday hoffentlich auf eine große Karriere in Hollywood schauen. Bei der Filmlänge so narrativ und geschlossen zu erzählen ist eine Kunst, die von wenigen wirklich beherrscht wird. Paul Thomas Anderson kann sich spätestens jetzt auch zu diesen zählen. [22. Juli 2008]
9/10

Titel: There Will Be Blood
Regie: Paul Thomas Anderson
Genre: Drama
Länge: 158 Minuten
Produktion: USA 2007
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9. Oktober 2009 von landlord
Pestilenz der Besessenheit

So unglaublich es scheint, es gibt sie tatsächlich: Gelungene Literaturverfilmungen. Oder eben zumindest eine. Luchino Visconti hat mit seiner Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ genau die Sensibilität und Bildersprache gefunden, welche die Vorlage verlangt. Bilder, die eins zu eins aus dem Kopf des Lesers stammen könnten, komponiert und mit perfekt ausgerichteten Kameraeinstellungen wie auf Zelluloid gemalt. Dirk Bogardes Darstellung des gebrechlichen Professors Aschenbach, der eine Besessenheit für den Knaben Tadzio auf einer Venedig-Reise entwickelt, ist gerade an der Grenze zum Theatralischen und der junge Björn Andrésen brilliert nicht nur mit seinem hypnotisierenden Spiel, sein androgynes Auftreten hat auch die gesamte japanische Manga- und Anime-Welt und ihr Figurendesign maßgeblich beeinflusst. Wer auf anspruchsvolle Filme mit bildgewaltiger Optik anspricht, kommt um Viscontis Verfilmung nicht herum. [16. Juni 2008]
9/10

Titel: Tod in Venedig (Death in Venice/Morte a Venezia)
Regie: Luchino Visconti
Genre: Drama/Literaturverfilmung
Länge: 130 Minuten
Produktion: Italien 1971
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